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Eröffnungsrede zur Ausstellung Blickwechsel
in der Rathausgalerie Balingen 13.11.2025
Heidrun Bucher-Schlichtenberger M.A.
Auf die Frage: Was ist Kunst? Gibt es unendlich viele Antworten.
Anders als bei Begriffen, wie zum Beispiel Dreieck
oder Pflanze gibt es bei der Kunst keine allgemein
gültige Definition.
Für die alten Griechen wie Platon bestand Kunst in der
Nachahmung der Wirklichkeit, für die Romantiker war sie
Ausdruck von Gefühl, für Kant und die Aufklärer
war sie zweckfrei, interesselos aber schön, für
die Modere stand das Experiment und die Provokation im Fokus
und für die Gegenwart kann sie alles sein auch
eine Idee oder ein digitales Werk.
Und genau diese Unbestimmtheit, diese Beliebigkeit macht
eine Antwort auf die Frage: Ist das Kunst oder kann
das weg so schwierig. Ich persönlich teile nicht
das Beuys Statement jeder Mensch ist ein Künstler,
oder dass alles Kunst sein kann, sondern priorisiere das Kriterium
der Identität und Authentizität zur Beurteilung
von Kunst.
Kunst ist nicht nur, aber auch, das Produkt von handwerklicher
Fertigkeit, (Kunst kommt von Können) vor allem aber Ausdruck
von Persönlichkeit, Originalität, schöpferischer
Freiheit und all das vorgetragen in einer unverkennbaren charakteristischen
Handschrift.
Thomas Heger verfügt über alle diese Kriterien
und daher freue ich mich sehr, dass wir heute und für
die nächsten Wochen seine Werke hier in der Rathausgalerie
präsent haben. Zudem gibt es wenige Ausstellungen, die
so hervorragend in die nicht ganz unproblematischen Räumlichkeiten
passen wie diese.
Was aber nun macht die Kunst von Thomas Heger zu etwas ganz
Besonderem, zu etwas unverkennbar Charakteristischem? Sodass
jeder, der sich mit seiner Kunst befasst hat, bei Vorlage
einer Vielzahl von Arbeiten gleich sagen kann: Ach ja, das
ist ein Original Heger?
Da sprechen wir zunächst einmal darüber, dass Kunst
von Können, von einer soliden und fundierten Ausbildung
kommt und die wurde Thomas Heger an der Staatlichen Akademie
der Bildenden Künste in Stuttgart bei den Professoren
Grau, Bachmayer und Haegele auch zuteil. Allen voran scheint
Professor Grau entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung
von Heger gehabt zu haben. Professor Peter Grau ging es nach
eigenen Worten bei seiner Lehrtätigkeit um die Vermittlung
der sukzessiven Schärfung der visuellen Wahrnehmung und
der Gestaltungsmöglichkeit in größtmöglicher
Freiheit der schöpferischen Phantasie. Grau selbst wiederum
war Schüler von Willi Baumeister, von dem dieser die
Schärfung des Blickes für die Solisten, gemeint
sind die beherrschenden Formen in einem Bildgefüge, und
deren Stellung im Bildraum übernommen hat. Auch dieser
Impetus floss indirekt in die Arbeiten von Thomas Heger ein.
Lassen Sie mich konkret werden. Sie alle sehen das Bild Hybrid
1, auch Motiv für Flyer und Plakat, dominant vor sich.
Wir sehen eine abstrakt-konstruktivistische Komposition auf
einem tiefblauen Grund. Zentral ist die Struktur aus farbigen
geometrischen Linien in Tönen von türkis, grün,
rosa. violett, orange und weiß, die sich in unterschiedlichen
Winkeln kreuzen und zu einer Art Blütenform verdichten.
Diese Farbflächen stehen in starkem Kontrast zum monochromen
Blau des Hintergrunds. Dort erscheinen schemenhafte transluzente
Darstellungen von Vasen, Gläsern, zylindrischen Gefäßen
und Blütenformen. Einige dieser Blüten erscheinen
in Negativform, einmal dunkel auf hellem Grund, einmal hell
auf dunklem Grund. Möglicherweise eine Reflexion über
das Verhältnis positiv und negativ, über Präsenz
und Abwesenheit, Vordergrund und Hintergrund, Fläche
und Tiefe. Die Komposition wirkt technisch und zugleich poetisch,
verbindet geometrische Strenge mit floralen Motiven. Zudem
ist der Bildtitel von Thomas Heger auch programmatisch gewählt.
Hybrid, bedeutet aus Verschiedenartigem zusammengesetzt, sie
kennen das vor allem von der Autoindustrie oder vom Unterricht
Präsenz / online.
Immer wieder begegnen uns in der Bilderwelt von Thomas Heger
auch Gefäße, Vasen, Gläser in den unterschiedlichsten
Facetten und Techniken ausgeführt. Wie hier bei den cuts.
Darunter finden sich auch die zeitlos schönen Formentwürfe
der Porzellanmanufaktur KPM.
Ich vermute, dass diese Präferenz für Form und Gestaltung
eng mit Hegers Wirken an der Hochschule für Kunst und
Design Halle, Burg Giebichenstein, zusammenhängt. In
den Jahren 2006 12 hatte er dort eine Professur inne.
Burg Giebichenstein, 1915 gegründet, entwickelte sich
in den 1920er Jahren unter Bauhaus-Einfluss zu einer modernen
Kunst- und Designschule, die damals auch die Gestaltung und
Formensprache von KPM Porzellan beeinflusste schlicht,
funktional und künstlerisch zugleich. Heute ist die Burg
eine renommierte Kunsthochschule mit starkem Fokus auf experimentelles
Design und Freie Kunst.
Mitunter wählt Heger als Bildformat die Rundform. Das
Tondo, vom italienischen rotondo, rund war besonders in der
Renaissance z. B bei Michelangelo, Botticelli beliebt und
sollte durch seine Form Geschlossenheit und Harmonie ausstrahlen.
In der zeitgenössischen Kunst nutzen Künstler die
runde Form oft als ästhetisches oder konzeptuelles Statement,
das mit Wahrnehmung und Formkonventionen spielt. Sie haben
hier die Möglichkeit zum direkten Vergleich, indem sie
das eingangs interpretierte Bild mit Stillleben 4 in Bezug
auf die Formatwirkung vergleichen. Hat Hybrid noch eine Offenheit
gedankliche Weiterführung zu ermöglichen, so wirkt
dieses Bild abgeschlossen begrenzt, vollkommen. Der Betrachter
ist nicht mehr in der Lage zu einer gedanklichen Fortsetzung.
Ich denke, Sie haben schon eine Sensibilität dafür
entwickelt, dass Thomas Heger den dualen Aspekt in seinem
Kunstschaffen favorisiert. Als Regisseur bringt er scheinbar
Unvereinbares zusammen, gestaltet ein Vexierspiel von Realität
und Illusion. Er jongliert mit verschiedenen Formen, variiert
zwischen Gegenständlichem und Abstraktem, malt mit zarten
und kräftigen Farben, zerbrechlich oder plakativ fluoreszierend
im Auftrag.
Nimmt man als Betrachter den Bildfaden auf und bewegt sich
Hegers Gesetzen folgend im Bildraum, stößt man
schnell wieder an seine Grenzen und landet in einer Sackgasse,
wo es nicht weiter geht. Nichts ist, wie es scheint und doch
ist jeder Gegenstand minutiös gestaltet, jede Person,
wenn auch in Miniatur, filigran gezeichnet.
Als Solist wirkt die Figur dann am stärksten, wenn sie
dort auftritt, wo man sie nicht erwartet, wenn sie im Bildgefüge
kleine Verschiebungen gegenüber den Gesetzen logischer
Verzahnung hervorruft.
Hegers Kunst eröffnet durch all die bildimmanenten Irritationen
einen ganzen philosophischen Kontext.
Allen voran stellt sich die uralte Frage: Was ist Wahrheit.?
Dies fragte einst Pontius Pilatus bei der Verurteilung Jesu
und erkannte nicht, dass die Wahrheit vor ihm steht. Aber
Heger fragt auch: Was entspricht der Realität oder
was entpuppt sich als reine Illusion.
Hegers Kunst stimuliert uns diese Fragen zu stellen, sie
fordert uns heraus, die Perspektive zu wechseln, Dinge aus
unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. In diesem Sinne
wirkt sie in unsere Zeit hinein, wo Fake news an der Tagesordnung
sind und häufig für wahr gehalten werden, wo Manipulation
täglich stattfindet und ermuntert uns Dinge zu hinterfragen,
eine eigene Sichtweise zu erlangen.
So bleibt die Kunst der Ort, an dem Realität und Illusion
einander begegnen. Sie täuscht uns nicht, um zu betrügen,
sondern um uns zu wecken.
So betrachtet ist seine Bildbotschaft aktueller denn je, bedeutend
als künstlerischer, aber auch gesellschaftsrelevanter
Impetus mit sensiblem appellatorischen Charakter.
Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen
lässt,
sagte einst Picasso.
Vielleicht ist gerade das ihr Geheimnis: dass sie die Illusion
gebraucht, um uns zu zeigen, was wirklich ist.
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So gesehen
Kunstverein Landshut
Einführungsrede von Ursula Bolck-Jopp, 9.2.2024
Willkommen in einer Ausstellung, die uns hoffen lässt
auf ein Ende von Kälte, Eis und Matsch. Hier ist
der Frühling am Start. In fantastischen farbigen Welten
bewegen sich kleine Figuren, alleine oder auch in Begleitung
mit anderen Menschen, Hunden oder Kühen.
Die Kunsthistorikerin Dr. Sabine Heilig fühlte sich
an Alice in Wonderland erinnert. An Alice, die auf Däumlingsgröße
geschrumpft durch ein Wunderland mit riesigen Pflanzen und
Fabelwesen irrt. Alice kann durch das Knabbern an einem Pilz
ihre Größe beeinflussen (der Tipp kam von einer
wasserpfeiferauchenden Raupe). Das können Hegers Figuren
auch, zumindest im Auge des Betrachters. Mal erscheinen sie
winzig, z.B. wenn sie unter gigantischen Gänseblümchen
hindurch wandern. Dann wieder wirken sie normal-groß,
man sieht sie - wie aus der Ferne durch Landschaften
mit Feldern und Blühstreifen umherziehen. Es könnten
auch Straßen, Wege, Plätze oder niedrige Mauern
sein. Oder: mit dem Pinsel gezogene Streifen und Flächen
in Öl oder Acryl!
Oftmals bewegen sich die Personen aber auch in einer nicht
näher definierten Welt aus Farbschlieren oder Pinselspuren,
der Betrachter darf sich immer eigene Geschichten ausdenken.
Jedenfalls sind die Personen immer von der Seite, die Landschaften
oder Farbfelder von oben zu sehen. Die Figuren wandern gar
nicht durch Landschaften, sie laufen durch Malerei!
Ein Minimann wagt sich in ein Gebiet namens Pflanzenkunde
vor. Wie in wissenschaftlichen Werken üblich, betritt
er ein Reich von Versuchsanordnungen. Doch es ist eine verkehrte
Welt: Die gigantischen Glasgefäße haben keine Ähnlichkeit
mit labortypischen Petrischalen, Reagenzgläsern oder
Kolben, eher sind es gewöhnliche Wasser- und Marmeladengläser
und Vasen. Das Forschungsobjekt, die Pflanzen,
hingegen haben nichts Vegetabiles, sie bestehen aus geradlinigen
Klebestreifen, die zackig knicken wie ein Meterstab, anstatt
pflanzentypisch organisch zu wachsen. In Einzelfällen
verkümmern sie am Ende wie echte Gewächse. Manchmal
ist eine leichte Verschiebung zu beobachten, um ganz realistisch
die optische Brechung der Halme im Wasser anzudeuten. Andererseits
ist das Glas oft nicht durchsichtig, es verdeckt die fein
säuberlich geordneten Streifen-Halme! Schon klar, die
sind nur bis an die Gefäßgrenzen gemalt, ein irritierendes
Spiel mit der Illusion! - Was für eine Botaniklehrstunde
wird das hier? Der kleine Mann kann sich nur wundern und wie
Alice in einen Magic Mushroom beißen.
In den früheren Arbeiten mit dem Titel Blühwillig
sind ähnliche Gläser mit immerhin noch Blüten
zu erkennen, die ein bisschen wie Andy Warhols Schablonenblumen
aussehen.
Wasser ist ein Lieblingsmotiv bei Thomas Heger und
damit auch darin Badende. Und wie könnte
man Wellen passender darstellen als mit Wellpappe? Der Wellenschwimmer
wurde sogar das Titelbild für diese Ausstellung.
Die Kartons hier auf dem Boden beschäftigen sich mit
einer Frage, die mir auch schon oft durch den Kopf ging: Warum
heißt im englischen Sprachraum der Postversand Shipping?
Mir wurde ein Paket noch nie per Schiff zugestellt! Bei Heger
haben sich Schwimmer Pools eingerichtet auf den Paketen
und hoffen nun mit Lale Andersen:
Ein Schiff wird kommen
Sommerliches Badevergnügen finden Sie auf vielen Werken
in dieser Ausstellung, hier z. B. könnte man vom Sprungbrett
eine Arschbombe in den Hotelpool wagen! Zwei Sprungbretter
zeigen allerdings nicht zum Wasser, vielleicht sind es gestreifte
Handtücher?
Holle Nann, die Leiterin der Städtischen Galerie Ostfildern
stellte fest:
Das runde Bildformat besitzt eine ungeheure Suggestivkraft.
Gleich einem Brennglas bu¨ndelt es die Blicke des Betrachters
Rundbilder bzw. Tondi waren bereits in der Antike beliebt
vor allem als Reliefs zum Schmuck an Architekturelementen.
Runde Formate in der Malerei gibt es zwar auch schon lange,
aber sie sind eher ungewöhnlich und somit besonders.
Und hier finde ich doch noch meine Petrischale:
Inmitten von grünen Bakterien ok, es könnte
auch eine Parklandschaft aus der Vogelperspektive sein, der
Titel Park lässt dies vermuten kreisen
kleine Menschen, die Spielzeugfigürchen ähneln.
Es reizt: Man möchte an der Scheibe drehen und sie zum
Rotieren bringen!
Ein anderer Tondo heißt: Mondtag! Der Titel
ist klar, der Mond ist noch oder schon am taghellen Himmel
zu sehen. Mir fällt Andrea Mantegnas berühmtes Deckenfresko
in der Camera degli Sposi im Palazzo Ducale in
Mantua ein, auch wenn dort weiße Wolken statt Mond über
den Himmel ziehen und das Personal samt Pfau und Putten neugierig
hinunter zum Betrachter blickt. Bei Heger stehen vereinzelte
Figuren mit dem Rücken zur Balustrade, die meisten schauen
himmelwärts und zum Mond, der interessanter zu sein scheint
als wir. Aber der Kunstverein ist ja auch kein herzogliches
Schlafgemach
.
Dieser Blick zum Himmel mit Mond heißt Rundlauf.
Hier geht es vielleicht um Fitness.
Nächtliche Spaziergänge im Mondenschein genießen
Thomas Hegers Figuren besonders. Die Grünstreifen
am Wegesrand sind übrigens weder collagiert noch gestempelt.
Die pflanzlichen Formationen kreiert Heger, indem er Lösemittel
den Farben beifügt, die durch Gerinnung für Muster
und Schlieren sorgen, die an Buschwerk oder Krater erinnern.
Die extremen Formate, rund oder sehr langgestreckt, sind bei
Thomas Heger nicht als dekorativer Gag zu verstehen, sie entsprechen
den Themen, wie den laaangen Spaziergängen.
So gesehen lautet der Ausstellungstitel. Dies
war meine Sicht auf Thomas Hegers Arbeiten, Sie entdecken
bestimmt anderes und noch vieles mehr. Mir geht das jetzt
in der fertigen Ausstellung genauso. Doch Sie sollen wissen,
dass mein Redetext anhand von Abbildungen entstehen musste,
bevor der Künstler aus Stuttgart angereist - gestern
aufbaute, für Änderungen und Ergänzungen blieb
dann kaum Zeit. Aber auf eigene Entdeckungsreise gehen macht
gerade in dieser Ausstellung viel Spaß, Sie wollen gar
nicht alles schon erzählt bekommen haben. Sogar auf echtes
Gold werden Sie stoßen, wenn Sie nur genau genug hinsehen!
Thomas Heger hat an der Staatlichen Akademie für bildenden
Künste in Stuttgart studiert und zeigte seine Werke in
vielen Ausstellungen im In- und Ausland. Er erhielt für
seine Arbeit zahlreiche Preise und Stipendien.
Aber nicht nur als Künstler ist er erfolgreich, sondern
auch in der Lehre. So hat er Lehraufträge an Kunstakademien
und Hochschulen inne. Er war auch mehrere Jahre Professor
an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle.
Magic Mushrooms gibt es erst am Rosenmontag, aber wir haben
Alkohol für Sie bereitgestellt! Genießen Sie nun
den Abend ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Ursula Bolck-Jopp, 9.2.2024
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Zu den Bildern
Auf ein Raster oder Gitter von Vertikalen und Horizontalen
legt Thomas Heger Gegenstände. Die Bilder haben eine räumliche
Tiefe. Das feine Gefäß, das man beim Betrachten immer wieder
fixiert, bildet für den Betrachter eine Art Einstieg in das
räumliche Sehen, man assoziiert das Volumen, auch wenn diese
Gefäße häufig durch sparsame Konturlinien die Fläche betonen.
Weiter wird die Räumlichkeit durch die Bildschichten vorgegeben:
Überschneidungen der Horizontalen und Vertikalen und der Ort
der Gefäße definieren das Vorne und Hinten des Bildes. Dazu
kommt der Blick in die Zwischenräume, durch das Gitter hindurch
nach hinten und als weiteres Element die Wirkung der Farbe,
die mal signalartig nach vorne wirkt, mal den Blick ins Bild
hineinzieht. Diese Bildschichten lenken die Wahrnehmung. Es
ist ein Spiel zwischen Tiefe und Fläche, das beim Betrachten
angeregt wird. Bezüge zwischen den Bildelementen werden hergestellt,
die Gegensätze ausgelotet. Man scheint sich in diesem Bildraum
ziellos und doch geordnet zu bewegen, der Blick läuft den
Linien entlang in geordneten Bahnen und bricht nach hinten
oder vorne aus, wenn er zwischen sie gerät oder sich der Wirkung
der Farbe ganz überlässt. Ordnungselemente stellen auch die
Gefäße dar. Es sind filigrane, kunstvoll mit Ornamenten überzogene
und schön geschwungene Ziergläser, Kristallkaraffen oder auch
praktische, profane Glasbecher, die in jedem modernen Kaufhaus
zu haben sind. Die Gefäße werden in die Fläche des Bildes
eingebracht, treten mit den Linien und Farben in einen Austausch.
Thomas Heger malt Bilder, in denen zahlreiche Analogien angelegt
sind und die sehr offen sind für Assoziationen. Die räumliche
Tiefe, die Lenkung des Sehens durch das Raster und das optische
Driften erinnert an die Bewegung in der modernen Stadt. Die
Gefäße schaffen Fixpunkte, die das ziellose Umherschweifen
kurzzeitig anhalten, als würde man einen Innenraum, ein Interieur
im Kontext dieser Stadt betreten. Über die räumlichen Bezüge
hinaus werden auch zeitliche angestoßen, wenn er alte und
neue Gefäße benützt, mal einen Goldgrund verwendet oder statt
des Glases die Skizze eines kunsthistorisch bekannten Bildes,
z.B. von Vermeer, in sein Gefüge von Schichten einfügt. Es
ist dann auch ein Spiel mit dem Wertvollen und Banalen, mit
der Aura von Kunst, das er inszeniert.
Thomas Hegers Bilder sind offen für solche Assoziationen.
Sie stellen sich als Gefühl für die Bewegung und den Raum
in der Stadt ein, als analoge, inhaltliche Ebene zu den Farb-
und Formebenen im Bild. Seine Position ist eine zeitgenössische,
da er typisch für die aktuelle Kunst sich verschiedener historischer
Bildsprachen bedient, um in ihrer Kombination zu interessanten,
wirkungsvollen Arbeiten zu kommen.
Dr. Berthold Naumann
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Die Sicht der Dinge -
Der Text ist erschienen im Katalog zur Ausstellung Querfeldein
herausgegeben von der Städtischen Galerie im Spital,
Bad Wimpfen 2020
Die Verhältnisse des Daseins
Lila-orange stapft der Mann mitten durchs Gestrüpp,
bis zur Hüfte darin versinkend, einsam. Der einzige Eindringling
inmitten weiter Natur. Von oben, aus der Vogelperspektive
gesehen womöglich aus der einer Drohne?
mutet es an, als ob er sich verlaufen hätte. Oder gar
verloren? Aber in diesen unzähligen Grünnuancen
des Parks, den er durchstreift, kann das schon
mal passieren. In einem Tondo sowieso, jenem klassischen Rundbild,
das in der griechischen Antike, im Alten Rom, bis hin zum
Historismus beliebt war für Porträts, für bewegende
Szenen, zur Architekturgliederung. Eine runde Sache, ohne
Anfang und Ende, aus dessen Dynamik der Mann nicht so schnell
heraus kommt. Mag er noch so oft die Diagonale der Bildfläche
durchqueren. Querfeldein. Dorthin hat ihn Thomas Heger geschickt,
mit Acryl auf Leinwand, wie in einer faszinierenden Versuchsanordnung
in der Petrischale.
Im Kreis laufen auch die Figürchen, die der Künstler
im Nächtlichen Spiel platziert hat. Vor unendlichem
Blau, von dem sich die Mondsichel zierlich weiß abhebt,
irrlichtern sie durchs Dunkel, mal kopfüber, mal zur
Seite auskragend, meist prekär, scheinbar in Gefahr,
in das Farbloch abzustürzen. Würden sie nicht angezogen
von der Gravitation des grünen Rings, der sich wie jener
des Saturns auf den runden Kosmos legt. Die Szene mag an die
Himmelscheibe von Nebra erinnern. Jene Bronzeplatte mit Goldapplikationen,
die rund 4000 Jahre alt ist und die älteste bisher bekannte
konkrete Himmelsdarstellung der Weltgeschichte darstellt.
Auch bei Heger verdeutlicht das Rund Dimensionen: Mensch wird
zu Menschlein angesichts des Universums Erdexistenzen
in unendlichen Weiten, die doch begrenzt sind, weil sie nie
in Gänze zu erfassen, bestenfalls zu erahnen sind.
Da wandelt ein Paar mit Hund lieber durch den Stadtgarten
auf grünem Balken, der sich trotzig quer zum Bildrund
behauptet. Sie werden bald aus der Leinwand herausspazieren,
wenn sie so weitermachen zwischen den hart gekanteten
Streifen aller Art, die sie oben und unten umgeben. Reduzierte
enge Stadtstruktur! Wie uralte Gesteinsschichten der Erde
kommt sie daher. Alles baut aufeinander auf, wenn auch manches
über die Jahrtausende aus den Fugen geraten ist. Aber
es fügt sich, zumindest auf der Oberfläche.
Dass darunter manches vor der Auflösung steht, scheint
das Paar im Stadtraum nicht zu merken, es konzentriert
sich auf die kleine Welt seines Streifens, violett auf rostigem
Rot. Von den Bewohnern und Läufern
anderer Leinwände sind gerade noch die Umrisse zu erkennen,
zeichenhaft, wie eine verblassende Erinnerung auf einer zunehmend
ausbleichenden Fotografie. War da mal was mit Humanität
in den Straßenschluchten, in den Gebäudeblöcken?
Leben, das vorbeirennt, wohl stets geschäftig, von Termin
zu Termin hetzend, das Handy im Anschlag, die Tasche fest
im Griff, die Konturen ausfransend mit jeder Spur, die ein
Pinsel mit Tempo darüber gelegt hat, wie die Schlieren
des Alltags. Nichts ist so alt, wie die News von gestern.
Und darunter? Entschleunigung ist Wunsch, aber auch nur ein
Wort.
Das gilt zudem für die schicken Städter, die durch
monoton-braune Orte irren, allesamt mit gelben
Architekturelementen aufwartend. Ja, die Städte gleichen
sich an, dem Kommerz geschuldet, der nur die immer gleichen
Marken und Statussymbole in den 1A-Lagen der Boulevards zulässt,
Made in Sonstwo Kreativität muss man
sich leisten können.
Da haben es die Flaneure, die allein oder zu zweit durch tachistische
Frühblüher schlendern auf rechteckig
grüner Staffelung, geradezu paradiesisch. Zeichen des
Lebens, das nach dem Winter zurückkehrt. Was wäre,
wenn nun alles ganz anders würde in diesen Zeiten von
Krisen und Wandel? Kreativität muss man auch wagen wollen,
wie die Männer, die jeweils auf eigenem Bildgrund
einer großen Pinselgeste folgen ins Offene, Formlose,
dem Möglichkeitsfeld, wie der Philosoph Umberto Eco einst
zeitgenössische Kunst beschrieb, zu einem Erdachten
Ort. Achtung, er könnte Wirklichkeit werden!
Querfeldein schickt Thomas Heger seine Menschlein außerdem
auf seinen Papierarbeiten, mit einem Mix aus Druck- und zeichnerischen
Techniken. Da geht es spontaner zu, das Papier ist Medium
anderer ästhetischer Aussichten. Es nimmt einerseits
erste Ideen auf, wird Experimentierfeld für Setzungen,
die dann verfeinert werden. Andererseits bringt es als prozesshaftes
künstlerisches Material eigene Struktur und eigene Netzwerke
mit, je nachdem wie die Fasern liegen. Ein Material, das Veränderungen,
Fremdeinflüsse und zeitliche Abläufe auf andere
Art sichtbar macht als die Leinwand. Das mit den Lichteinflüssen
bleicht, mit Handhabung knicken, reißen, geprägt,
geschnitten und vieles mehr werden kann.
Thomas Heger nutzt alle Möglichkeiten des alltäglichen
Materials, das auf unzähligen Schreibtischen liegt. Weniger
häufig sind in Zeiten der Massentierhaltung Rinder, die
frei herumlaufen. Bei dem Künstler indes stehen Kühe
vor dem Waldrand, auf ihn blickend wie auf ein
verlorenes Paradies lila Stämme und Tiere, die
stellenweise nur noch als Umrisse auszumachen sind. Die Pilzsucher
wiederum verschwinden in gewischten Pinselschwaden und Birkenstämmen,
nur noch zu erkennen als Schatten ihrer selbst, ebenso die
Ausflügler des Wandertags. Anders die Blüten,
die saftig und überdimensioniert treiben unter popartigen
Lettern in Schreibschrift, als müssten sie Werbung für
sich machen. Der Grünstreifen macht seinem
Namen alle Ehre, legt sich übers Papier, den Boden bereitend
für vielfarbige Formen. Ein Titel, der durchaus wörtlich
zu nehmen ist; und im übertragenen Sinne. Regiert hier
doch hier keine Monokultur, sondern Wiesenwildwuchs
Humus für den Boden und Nahrung für Bienen. Eher
problematisch sind die Hybride: Bei Heger schweben
amorphen Hydren tentakelartig im Erdreich verankert
wie eine Damoklesschwert über den Erdlingen, die
als bloße, oszillierende
Piktogramme über das Papier stolpern, als wären
sie schon zu Cyborgs mutiert.
Schöne neue Welt? Wer weiß. Der Weg wird geebnet,
Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Industrie und
Farming 4.0 derlei und mehr ist in vieler Munde. Die
Frage freilich ist und wird sein: Wie die Technologie vereinbaren
mit den Werten des Menschseins? Gleich welches Medium, welches
Material man nutzt, das Ergebnis ist immer nur so gut, wie
die Kompetenz, die der Nutzer von den tradierten alten und
jungen, neuen Kulturtechniken mitbringt. Und wie hoch seine
oder ihre Ein- und Umsicht ist ob der Folgen einer Handlung.
Das ist beileibe nichts Neues. Aber in diesen Zeiten, die
sich rasant verändern, in denen Informationen explodieren,
umso wichtiger. Aktuell verdoppelt sich das Wissen der Menschheit
jedes Jahr, und der Zyklus wird schneller. Wir ertrinken
in Informationen und hungern nach Wissen soll bekanntlich
der amerikanische Zukunftsforscher John Naisbitt gesagt haben.
Erdung, eine Verbindung ins Gestern mit dem Blick ins Morgen
mit der Achtsamkeit im Jetzt, kann da nicht schaden.
Heger schafft mit seiner Kenntnis um Handwerk, Historie,
individuellen wie gemeinschaftlichen Horizonten und Haltungen
diese Verbindungen auf verschiedensten Ebenen und Dimensionen.
Nicht nur spielen die vielschichtigen Bildwerke dem Sehen
mitunter Streiche, indem sich Formen beim zweiten und dritten
Blick an die Oberfläche schaufeln, die beim ersten noch
nicht da waren. Oder indem die Dinge zu oszillieren beginnen,
scheinbar in den Raum, damit sinnlich in die Dreidimensionalität
übergehen. Doch Heger macht auch die Rolle rückwärts,
indem er seiner bildhafte Skulpturen schafft. Im Wortsinn:
Sculpere bedeutet im Lateinischen schnitzen
oder meißeln. Das tut er mit Seifen
saubere Stücke, sonst im Dienste der Reinlichkeit, die
sich in allen Kulturen finden, die er auch aus verschiedenen
Kulturen zusammenträgt. In diese schneidet er
und lässt die Form dann bisweilen in Eisen und Bronze
gießen , was das Leben und Kultur so darbieten.
Dabei ist Kultur ursprünglich zu sehen, als Cultura.
Ein Begriff, der aus dem Ackerbau kommt, nun aber auch die
Gesamtheit des vom Menschen Geschaffenen, beschreibt, in der
Kunst wie in Bildung, Technik, Biologie oder Medizin. Kurz,
ein Begriff, der wesentliche Teile menschlicher Lebenswelt
beinhaltet, die differieren können, je nachdem, wo man
sich auf der Welt befindet. Gemeinsamkeiten? Sind immer dabei.
Der Mensch ist eben Mensch, jenseits aller Sozialisierungen.
Also lässt Heger eine Quellenymphe weiblicher
Naturgeist in griechischer und römischer Mythologie,
Liebling des Bildungsbürgertums, Motiv unzähliger
Brunnenbildnisse und zumindest oberflächlich unverdächtiger
nackter Weiblichkeit in den Wellen des eigenen Haares
schwimmen. Nur der Kopf schaut aus dem ovalen Wellness-Becken
aus Seife, der holde Rest ist untergetaucht. Vom Schaumbad
bleibt noch der Schaum der Tage wie in Boris Vians Liebesgeschichte,
der sich vor dem Abfluss in knubbeligen Flöckchen aufwölkt.
Wer war da der oder die Badende? Weg. Abgeflossen? Einfluss
übte der arabische Spitzbogen auf die Gotik mancher mitteleuropäischer
Kathedrale aus. Ein grandioser führt in das Hammam, dem
berühmten orientalischen Bad, häufiges Motiv in
persischen und türkischen Miniaturen und historischer
Reiseberichten westlicher Touristen. Oft waren Hammams Nebengebäude
von Moscheen, ganze Stadtquartiere wuchsen drum herum. Nach
Janine Sourdel-Thomine wurden mitunter anhand deren Menge
die Einwohnerzahl von mittelalterlichen islamischen Städten
geschätzt.
Folgerichtig verwandelt Thomas Heger denn auch das edle Waschstück
Royal, das mit Oud, Ambra, Weihrauch, Jasmin und Safran nach
Orient duftet, in einen weniger königlichen, weil puristischen
Waschraum. So kanns gehen. Die Kunst der Seifenherstellung
kommt aus Syrien. Von der leider stark zerstörten
Kulturstadt Aleppo aus verbreitete sie sich mit Kaufleuten
und Kreuzrittern über den Mittelmeerraum nach Europa.
Au einem Luxusgut, das im Orient Herrscherfamilien vorbehalten
war, wurde die Seife über die Jahrhunderte zum Ding alltäglicher
Reinigungsrituale, untrennbar vom Lebenselixier Wasser. Bei
Thomas Heger klingt diese Geschichte mit. Aber die Seife ist
mehr als Kulturgut mit wechselvoller Geschichte: Sie wird
zur Bühne, zum mehrdeutigen Spielraum. Miniaturen, die
dem Betrachter Spielraum lassen. Alles fließt!
Die Titel der Werke sprechen Bände, sie sind offenbar,
gleichwohl offen. Sie fordern Offenheit, weil sie nicht festlegen,
lediglich Töne anschlagen, mit mitunter schrägen,
aufeinander prallenden Nuancen von Farbe, Stil, Material.
Heger wagt sie. Seine Figuren finden Welten, er bringt sie
zusammen. Abstraktion trifft Gegenständlichkeit, Geste
auf Linie und Fläche, Pastosität auf Lasur, Geometrie
auf Feinmalerei, Raster auf Bewegung und Freiheit, Vergangenheit
auf Gegenwart und Zukunft, Natur auf Kultur ... Thomas Heger
setzt das Mikroskop an, arbeitet mit dem Brennglas auf mannigfaltige
Weise: Seine Kunst erzählt, hinterfragt, beobachtet,
löst Assoziationen aus, wechselt Perspektiven, deckt
auf, öffnet Augen, kommentiert frech-ironisch, melancholisch
die Verhältnisse des Daseins in all seinen Facetten und
Widersprüchen. So werden neue Denkprozesse zur Welt angestoßen
querfeldein.
2020
Petra Mostbacher-Dix
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Die Sicht der Dinge -
über die Arbeiten von Thomas Heger
Es sind landläufige Dinge, die bei Thomas Heger auf
den Bilder, Zeichnungen, Schnitten und Collagen just so herum
tanzen, als seien sie lebendig. Allerdings sind die Teller,
Schalen, Vasen, Messbecher, Trink- oder Gurkengläser
nicht unbedingt als solche erkennbar. Zwar werden sie von
Thomas Heger detailliert nachgezeichnet oder fast fotorealistisch
gemalt. Aber weil sie dabei auf der Leinwand durcheinander
geworfen, gestapelt, mit transparenten Pigmentschichten überlagert,
in Farbraster eingeordnet werden, kommen sie auf den ersten
Blick wie ein flächiger, mitunter ornamentaler Formenteppich
daher.
Erst beim zweiten Hinschauen schälen sich aus der Zweidimensionalität
die fragilen, exakten Linien edel geschliffener Kristallpokale,
simpler Tiegel oder schlichter Wassergläser heraus. Mehr
noch, plötzlich scheint alles zu kippen, der Hintergrund
kommt optisch nach vorne, der Vordergrund wandert nach hinten
und umgedreht. Der Betrachter entdeckt im Wechsel zwischen
Transparenz und Geschlossenheit, dass im Boden einer Tasse
eine Brücke oder in der Öffnung einer Tasse ein
Kanal steckt. Es kommt eben auf die Sicht der Dinge an.
aus Stuttgarter Zeitung vom 27.7.2004
Petra Mostbacher-Dix M.A
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Thomas Heger
Von den Dingen, über die Dinge
Cette chose est faite pour perpétuer mon souvenir:
dieses Ding wurde gemacht um mein Gedächtnis zu
verewigen. So betitelt der französische Künstler
Francis Picabia ein 1915 von ihm geschaffenes Gemälde,
das ein Ding zeigt, einen beschreibbaren, nicht aber benennbaren
Gegenstand bzw. benennbare Gegenstände: vier kreisförmige
Scheiben in vier kreisförmige Scheiben in vier kreisförmige
Scheiben geschichtet, verbunden durch vier Stäbe über
eine weitere, weiße kreisförmige Scheibe, überfangen
durch weitere, abgewinkelte Stäbe oder Röhren. Ein
Ding, das nach Maschine aussieht ohne eine Funktion zu offenbaren.
Ein Ding eben. Ein Ding, das nach Dada riecht. Wobei Hottehüs
bzw. Steckenpferdchen, was Dada im Französischen meint,
selten riechen.
Scheinbar weit entfernt von einem solchen Ding und tatsächlich
doch sehr nah sind die alltäglichen Dinge, jene, denen
man in unterschiedlichsten Situationen und Zusammenhängen,
wie in Ereignissen oder im Stillen begegnet. Es sind unscheinbare
Dinge, sonderbare Dinge, merkwürdige Dinge, unglaubliche
Dinge, Dinge an sich, die anfänglichen Dinge und die
letzten Dinge, die stillen Dinge und die lauten Dinge, die
großen und die kleinen Dinge, die nutzlosen Dinge, die
bunten und die grauen Dinge. Es sind Dinge, die sich bewegen
und Dinge, die still stehen und in ihrem Stillstehen dennoch
voller Leben scheinen. Es sind Dinge, die gegeben sind, Dinge
die wir allgemein der Natur zuordnen. Es sind Dinge, hinter
denen sich menschliche Entwürfe verbergen, Dinge, die
einer Kultur zuzuordnen sind, Dinge, welche nach heutigem
Kenntnisstand in der Steinzeit zum ersten Mal manifest werden
und von denen eine kontinuierliche Entwicklung zu den heutigen
Dingen sich aufzeigen lässt. Es sind die Dinge, durch
die hindurch das Wesen des Lebens aufscheint, wahrnehmbar
und erfahrbar wird; Dinge, die Gedanken, Überlegungen,
Regungen auslösen, die Literaten, Archäologen oder
Philosophen beschäftigen; Dinge, die einen aber genauso
gut unberührt lassen können. Die Geschichte dieser
kulturell bedingten Dinge spiegelt in all ihren Facetten und
ihrer bruchstückhaft erforschten Existenz über die
Jahrhunderte hinweg auch die Geschichte des Menschen wider.
Von solchen Dingen und über solche Dinge handeln die
Werke des Stuttgarter Künstlers Thomas Heger, die auf
kleinen bis großen Leinwandbildern, die auf gezeichneten
und geschnittenen Zeichnungen, die in geschnittenen und gegossenen
Plastiken aus Seife und Bronze sich offenbaren. Und auch seine
Werke könnten den Bildtitel Picabias tragen. Sie fundieren
auf der schweifenden Neugier eines Wahrnehmenden, der die
Geschichte des eigenen Metiers ebenso gegenwärtig hat,
wie die Geschichte der eigenen Spezies und die der Dinge,
die sich in seiner Erinnerung abgelagert haben und zugleich
aufs Stete einprägen. Der darüber hinaus mit offenen
Augen durchs Leben schreitet, welches seit vielen Jahren städtisches
Leben ist, was auch sein Bild vom Leben, die Weltanschauung
des Künstlers prägt.
Stillleben und Realitätsbezug
Es sind auf den ersten Blick die Dinge des stillen Lebens,
Stillleben, die die aus unserem kulturellen Kenntnisstand
benennbaren Gegenstände in einen spannungsreichen, widersprüchlichen,
kontrastierenden neuen Kontext fügen, der ein Oszillieren
zwischen Ding und Gegenstand hervorbringt. Derartiges zeichnet
sich beispielsweise in städtischen Strukturen ab: aus
dem scheinbaren Gewirr an Straßen und Architektur blinkt
hier ein Mäander hervor, dort ein barock schwingender
Sandsteinportikus, hier ein farbig gefasster Stahlerker, dort
ein sachlich nüchterner Edelstahlbalkon. Ein Ornament
bricht die klare Linie, die Nüchternheit serieller Architektur
steht gegen die Üppigkeit einer vielfach gebrochenen
Steinfassade der Gründerzeit. Wenig Rücksicht auf
Feinheiten nehmen die Straßen selbst, die wie ein Schnittmuster
die architektonischen Massen begrenzen und teilen.
Die Differenzierung solcher Wahrnehmung ist verbunden mit
dem zweiten Blick. Jener nimmt auch die Ruhe in der sonst
überaus bewegten städtischen Struktur wahr, registriert
jenen Kontrast, der dem von ausschnitthafter fotografischer
Sicht und unaufhörlich ablaufenden Filmbildern gleichkommt.
Fotografie und Film (u.a. in Form der Television) sind zu
Beginn des 21. Jahrhunderts ohnehin die unumschränkt
prägenden Instanzen unserer visuellen Wahrnehmungsfähigkeiten,
die unsere Sicht auf die Dinge und Gegenstände geformt
hat und formt und zugleich mit ihren Bildern unsere Realitätssicht
entscheidend beeinflusst. Zum einen in der Art und Weise wie
wir unsere Umwelt wahrnehmen: selektierend, im schnellen Schnitt,
ausschnittsbegrenzt, seriell; zum anderen in der Art und Weise
wie wir das Aufgenommene behalten: im Kompilieren vereinfachend,
bruchstückhaft, additiv verflachend.
Keine Frage, Thomas Hegers Bilder, Zeichnungen und auch Kleinplastiken
spielen scheinbar leichthändig mit diesen dinglichen
Wahrnehmungsphänomenen. Dies setzt das Wissen um diese
Phänomene ebenso voraus, wie das geübte Auge, das
hinter die Dinge blickt.
In den ersten Jahren stehen in Thomas Hegers Werk die Dinge
noch in einer real benennbaren Bezüglichkeit, die ihre
Fassbarkeit im malerischen Komplex der Bilder auch in kompositorisch
gewollten Brüchen und Widersprüchlichkeiten erleichtert.
Gegenstände wie Stühle, Bilder oder Architekturteile
kontrastieren mit freien Farbflächen und Linien, die
eine Reduktion des Gesehenen auf archetypische Muster anklingen
lassen. Schon in diesen Werken tritt die gewollte Gratwanderung
zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit zu Tage,
die Thomas Hegers Werk bis heute kennzeichnet.
Wenig später finden sich Vergitterungen über kubischen
Körpern, die als Platzhalter von Architektur erscheinen,
wie die die Gitter bildenden Farbstreifen städtische
Struktur ebenso bedeuten können, als auch, in einen veränderten
Kontext mit Gefäßen gestellt, in ihrer gegenständlichen
Verifizierung als Tischtuch oder Regal benennbar wären.
Dem Künstler geht es dabei in erster Linie um die Qualität
des Musters, des Rasters, das urbildhaft als Ding für
etwas Benennbares stehen kann und in seiner abstrahierenden
oder gar abstrakten Qualität die Vielfältigkeit
seiner Benennbarkeit in sich trägt.
Dass es an eine Stadt erinnert, war mir dann egal und
heraus kam dann irgendwas, was mich eigentlich an das Gewebe
von einem Stoff erinnert hat, an eine Art Tischdecke. Ich
musste mich dann an Bilder aus der Kindheit erinnern, wo ich
als Kind dasitze, an einem Tisch, ich habe Bauklötze
draufgeschoben und die Linien waren dann für mich Straßen
und Häuser.1)
Die Bildserie Glas-Stadt-Tisch (1996/1997) ist
Ergebnis dieser Sicht des Künstlers auf solche Dinge,
die eine dem Kubismus verwandte Mehrsichtigkeit der Objekte
und Gegenstände einschließt. Das heißt, das
Hegersche Formenrepertoire ist in der spezifischen Kombinatorik
seiner Werke von sich überlagernden unterschiedlichen
Perspektiven bestimmt, die zugleich einen steten Fokuswechsel
vermeintlich unterscheidbarer Bildebenen mit sich bringt.
Die Titel, die der Künstler seinen Werken gibt, sind
dieser Multiperspektivität äquivalent, weisen dennoch
assoziativ Wege zum Ursprung wie zum Fortgang und Verständnis
des Gezeigten. Dies gilt für die frühen Werke ebenso
wie für die jüngeren und jüngsten Arbeiten
Thomas Hegers.
Transparenz und Geschlossenheit
Um diese Zeit, Mitte der 90er Jahre, findet das Glas als
Ding Eingang ins Formenrepertoire des Künstlers, das
seither die Bildwelt Thomas Hegers in Malerei und Zeichnung
beherrscht. Die Faszination an Glas-Dingen gründet sich
auf der fragilen, zerbrechlichen, transluziden, Licht einfangenden
und reflektierenden Materialität ebenso wie auf den plastischen
und zugleich linearen Möglichkeiten der Formensprache.
Seither finden wir im Werk von Thomas Heger Gläser in
allen ihren denkbaren und tatsächlichen Erscheinungsformen.
Da sind einfache Saftgläser, Weingläser, Gurkengläser,
Flaschen, geschliffene Kristallgläser, Kürbis-,
Kelch- und Blütenvasen, griechische Vasen, Kelche, Flöten,
Krater und Trichter, Schüsseln, Schalen und Schälchen.
Mit der Feinheit des Motiv-Materials verändert sich in
Hegers Schaffen aber nicht nur die Formensprache. Auch die
Malstruktur entfernt sich von der anfänglich pastosen,
den Pinselduktus offenbarenden Malweise hin zu einem den feinen
Pinsel und Lasuren bevorzugenden Farbauftrag, der sich allmählich
einer erkennbaren Handschrift entzieht.
Die Farbe wird mit einer Verklarung der Bildstrukturen zunehmend
mehr zum Ordnungsträger, mit dem Kontraste, Harmonien
wie Disharmonien erzeugt werden.
In den Werken der letzten Jahre wie auch in den jüngsten
Bildern des Künstlers haben sich Farbe und Formen zu
Bildserien gruppiert, die in unterschiedlicher Weise vor allem
mit Glasgefäßen, aber auch Bauklötzchen,
Tellern oder Naturmustern, wie mit abstrakten Flächen-
und Linienstrukturen umgehen. Auf dem grundsätzlich nahezu
monochromen Grund bringt Thomas Heger die Dinge und die Farbe
zusammen. Er schafft neue Bezüge, die auch immer wieder
neue Interpretationsmöglichkeiten eröffnen, die
Beachtung auf Unbeachtetes richten. Ohne eine Typologie der
Bildwerke zu verfolgen, kristallisieren sich in den jüngeren
Bildern Thomas Hegers Typen heraus.
Tanz der Dinge im offenen Spiel
Die Tondi-Formate der Kreislauf oder Drehung
oder Karussell titulierten Werke tragen auf dunklem
Grund transparent über- und untereinandergeschichtete
Glasgefäße, die in ihrem plastischen Volumen gekennzeichnet
sind und sich in ihrer Vielansichtigkeit jedweder eindeutigen
räumlichen Zuordnung entziehen. Zufällig wirken
diese auf eine nicht verifizierbare Ebene gestreut und lösen
in dieser chaotischen Ordnung eine wahrnehmbare Bewegung aus,
welche die Blickverdichtung in den Überschneidungen der
Gefäße noch steigert. Das Auge kommt nicht zur
Ruhe. In dieser Anordnung wie Transparenz wird zugleich die
Dünnhäutigkeit, Verletzlichkeit oder gar Brüchigkeit
dieser Objekte bewusst.2) Die dunkel gehaltene Kreisform der
Bilder tut ihr Übriges dazu und assoziiert zugleich den
Blick in die mikroskopische Welt der Virologie als auch den
in die makroskopische Welt universaler Sternensuche.
Eine noch stärke Bewegungsempfindung verschaffen die
Jongleur-Bilder, in der die Welt des Varietes
sich im Handwerkszeug der Jongleure, Tellern und Ringen, zu
fast abstrakten Mustern formt, die ein ständiges Springen
zwischen verschiedenen Bildebenen und den auf ihnen sich befindenden
Dingen evoziert. Die Dinge bleiben wie beim Jonglieren in
steter Bewegung, in der Luft gehalten, treten
in sich immer wieder verändernde Beziehungen, bilden
Gruppen, distanzieren sich, stehen alleine. Bewegungsfotographische
Effekte treten auf, wenn die Ringe Nachbilder ihrer Fortbewegung
auf der Iris sprich Leinwand hinterlassen.
Konträr zu diesem scheinbaren Chaos stehen die reduzierten
Nebensachen, in denen ein, zwei Glasgefäße
hauchzart linear auf monochromem Grund umschrieben werden,
der zugleich die Lokalfarbigkeit der Gefäße selbst
darstellt. Farbige quadratische bzw. rechteckige Flächen
hinterfangen, tragen, begrenzen die Gefäße und
schließen diese partiell ein, ohne ihnen einen Stand
zu gewähren. Auf Distanz treten die Farbflächen
als beschnittene Formen in einen abstrakten Tanz mit dem tragenden
Grund ein, der eher einer Pavane, einem Schreittanz gleicht,
denn einem Flamenco. Assoziationen an Vexierbilder stellen
sich ein.
Weltbilder und Bildwelten
Aus dieser reduzierten und klaren Farb- und Formensprache
entwickeln sich im Werk Thomas Hegers schließlich ähnlich
gelagerte Werke von größerer Dichte. In vergleichbarer
Handhabung linearer Formumschreibung, mitunter mit Binnenzeichnungen
geschliffener oder gravierter Ornamentverzierungen, sind Vasen,
Gläser, Schüsseln, Kannen oder eine afri-Colaflasche
im Nahbereich zu einer Ansammlung gruppiert. Diese
werden von orangefarbenen, blauen und grünen Farbflächen
begleitet, die in ihrer farbperspektivischen Qualität
eine räumliche Differenzierung auf dem monochrom grün,
aber wolkig strukturierten Grund erzeugen, der über die
Relation der Dinggrößen hinaus Verunsicherung schafft.
Je nach Bezüglichkeit wandern ein und dieselben Objekte
auf unterschiedliche Raumebenen, machen einen geschlossenen
Raumeindruck unmöglich.
Stehen im grün fundierten Nachbereich Ding
und Fläche noch in einem Gleichgewicht ihrer Beziehung
und Gruppierung, treten im rot grundierten Nahbereich
die Farbflächen in kräftigem Grün, Blau, Orange
und Ocker so in den Vordergrund, dass hier die Erinnerung
an die städtischen Strukturen früherer Werke und
die Kindheitserinnerungen des Künstlers wieder evident
werden. Farbflächen erscheinen in ihrer ausgeschnitten
Form als Brücken oder ganz allgemein Bauelemente, die
der großen archetypischen Sammlung von Architektur entlehnt
zu sein scheinen: dem Holzbaukasten der Kinderzeit.
Ihm haben wir Bauklötze in allen denkbaren geometrischen
Formen zu verdanken, unter anderem auch die wunderbar einfachen
und einfach wunderbaren Viadukte, Rundsäulen, Halbsäulen,
Sternsäulen, Fünfecksäulen und Ovalsäulen,
die sich nun zu Thomas Hegers Glasgefäßen in seinen
Welt-Bildern oder weltähnlichen
Bildern, aber auch in der Schausammlung einfinden
und einen Dialog zwischen illusionistisch plastischer Formung
und Flächenform beginnen, zugleich vielfach in Korrespondenz
zu den anderen Dingen, den hauchzart formulierten Glasgefäßen
treten.
So konstruiert sich aus erkennbar der Welt entlehnten Dingen
eine neue, auch neu akzentuierte Welt, die starke visuelle
Reize aussendet, in denen die Feinheit des Glashauches eine
konzentrierte Wahrnehmung erfordert. Zugleich wandert die
Wahrnehmung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit
ohne eine Eindeutigkeit des Wer-ist-Was zu finden. Dieser
Zustand, der ebenso Prozess ist, ist letztendlich auch im
Schweben aller Erscheinungen im Bild gegeben. Gegensätze,
Kontraste, Widersprüche und Verwandschaften sind für
die Arbeit des Künstlers von großer Bedeutung und
sichtbarer Ausdruck seiner Werke. Dabei, so Thomas Heger,
liefert die sogenannte Realität lediglich die Anregung
zum bildnerischen Umgang mit unserer gewohnten Welt, also
dem städtischen Leben, dem Ambiente unserer eigenen vier
Wände oder den Dingen, die wir in Gewöhnung eher
achtlos handhaben. Die vom Künstler aus dieser gewohnten
Welt in seine Bilder transformierte Ding-Welt stellt im besten
Fall eine bildimmanente eigene Welt dar.
Wenn man denn im Werk Lichtschatten auf große
Distanz gesehen in den farbigen Schatten der lichten
Glasgefäße sich eher auf den Spuren einer neuen
Schrift glaubt, befindet man sich geradewegs auf dem Weg zur
Erkundung einer neuen Welt, die über die Dinge erzählt
und ungeahnte Möglichkeiten offen hält.
Das offene Papier
Papier hat, in welcher Qualität auch immer, seine eigenen
Strukturen, die sich in der Vernetzung der jeweiligen Fasern
zeigen, welche die Stabilität und Haltbarkeit des Papiers
garantiert. Diese Faserverbindungen machen Papier zum idealen
Träger für Zeichnungen und auch Schnitte, wie sie
Thomas Heger fertigt. Es birgt in sich dingliche Qualitäten
für qualitätvolle Dinge, für Vasen, Teller,
Krüge, fein ziselierte, fein bemalte und lackierte.
Chinoiserien und Delft, Meissen und Königlich Manufakturiertes
bringt der Künstler mit banalem Kugelschreiberstift auf
das Papier. Das Ding ist klar und deutlich zu benennen. Doch
mit dem Vergehen der Zeit nagt der Gebrauch an der Oberfläche,
bricht sie auf und verändert das erste Bild von der Klarheit
zur formauflösenden Form oder gar zur Ahnung.
Der Schnitt als künstlerisches Mittel ist ein Produkt
der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Er hat die Leinwand
und auch das Papier aus der Begrenztheit der Zweidimensionalität
herausgeführt, das Bild als solches in die Räumlichkeit
geöffnet und einer neuen Zeit der Raumerkundung und der
Unbegrenztheit wie der Prozessbetonung zum Ausdruck verholfen.
Das offene Bild entspricht dem grenzenlosen Erleben und Erkunden
einer neuen Zeit, ist Ausdruck des Alles-Ist-Möglich
nach dem Niedergang im Weltkrieg.
Thomas Hegers Bildwerke sind auch in diesem Sinn als offene
Weltbilder zu verstehen. Wenn er den Schnitt als künstlerisches
Mittel einsetzt, hat dies zwar nichts mehr mit einer zeitspezifischen
Situation zu tun. Gleichwohl ist
das offene Bild als im Gedächtnis.
Wenn Thomas Heger seine Dinge, Vasen, Schalen, Krüge
und Teller auf der Rückseite des Bildträgers Papier
mit dem Messer nachzeichnend in dieses einschneidet, ergeben
sich auf der Vorderseite ausgewölbte Öffnungen,
aber auch Strukturen, die einem Prägedruck ähneln
und den dargestellten und geformten Dingen eine erräumliche
Wirkung ganz eigener Qualität verleihen.
In den jüngsten Werken mit dem Titel Benutzeroberfläche
oder der Arbeit Fehlfarben setzt der Künstler
das Messer als Zeicheninstrument unmittelbar auf der Bildfläche
ein, die Kugelschreiberlinien der eigentlichen Zeichnung nachschneidend
und überschneidend, das Papier verletzend und aufreißend.
Die Gefäße treten aus dem Grund hervor, scheinen
vor dem Weiss des sie tragenden Papiers zu schweben. Die Oberflächen
der Gefäße erhalten durch diese einschneidende
Zeichnung zugleich den Ausdruck des Benutzten, des durch den
Gebrauch Verbrauchten, werden zur Benutzeroberfläche.
Dass diese Bezeichnung wie auch der Titel Fehlfarben
einen anderen Kontext impliziert, ist beabsichtigt. Thomas
Heger führt auch in diesem, dem zeichnerischen Medium,
seine (Bild)Weltschöpfung und ausschöpfung
in ihrer Mehr- oder Vieldeutigkeit fort. Ebenso offen und
voll ungeahnter Möglichkeiten.
Im Kern der Seife soap operas
Man nehme Talg oder Rinderfett, Sodalauge, Cocos- oder Palmöl,
Salz, Energie in Form von Wärmezufuhr, bringe dies alles
in einem sinnvoll prozessorientierten Ablauf zusammen und
schon entsteht: Kernseife.
Mit ihr verbinden wir die Vorstellung von Reinlichkeit und
Reinigungskraft, einen bestimmten Geruch ohne die Erinnerung
an Flieder, Wald und Heideröschen, lange Lebensdauer
trotz täglichem Verbrauch und eine scheinbar immer gleiche
Form von rechteckigem Kubus in erdhafter, elfenbeinfarbener
bis weißer Färbung. Mitunter ist eine Seite dieser
Form mit dem modellierten Hinweis auf den Hersteller und der
ohnehin schon allseits bekannten Dingbestimmung Kernseife
versehen.
In Zeiten von Waschgels und gereatriehemmenden Lotionen ist
sie allerdings selten geworden in unseren Boudoirs, Badelandschaften,
Wellnesszentren und Showerrooms, dieses Ding, das immer noch
für eine natürliche Reinigungskraft steht und auch
danach riecht. Alt können Sie sein, diese Dinger, und
immer noch gebrauchsfähig.
Mit Kernseifestücken verbinden sich aber auch Bilder
von Größenrelationen: sie passen in die Hand; sie
sind klein im Vergleich zu einem Baderaum; sie sind etwas
größer im Vergleich zu einem Waschbecken oder einem
Wäschezuber, zu dem sie dereinst gehörten wie das
heute wohl nur noch muskulär bekannte Waschbrett.
Thomas Heger funktioniert sie um, erhält aber darin
den Bezug zu ihrer ursprünglichen Handhabung, wahrt den
Bezug zu ihrer ursprünglichen Existenz, vergleichbar
seiner malerischen Transformation von Glas und anderen Dingen.
Seifen, einst aus einem plastischen Vorgang entstanden
denn Seifensieden ist ein Vorgang der plastischen Formung
, werden unter den Fingern des Künstlers zu Miniaturen
der dinglichen Weltwahrnehmung.
In ihrer Oberflächen- wie Binnenstruktur sind sie von
handschmeichelnder Glätte, kaum widerständig. Sie
geben dem Messer im groben wie im feinen Schnitt nach, - wenngleich
dies nicht die an sie gestellte Anforderung war - ohne dass
man Gefahr läuft, das Gesamte zu brechen. Sie lassen
grobe Formungen ebenso zu wie filigran feine, zerbrechlich
wirkende Gestaltungen.
Was Thomas Heger da seit 4 Jahren aus Seifen herausschält,
ist eine dreidimensionale Dingwelt, deren Bezug zur realen
Welt sich über die der Seife immanente Beziehung zum
Wasser und den mit diesem verbundenen Eigenschaften erschließt.
Mit einem Hauch von Ironie und Witz, jener auch Hegers Gemälden
und Zeichnungen eigenen Doppeldeutigkeit oder gar Vieldeutigkeit
entstehen Waschbecken oder ein Waschbecken für Zwei,
das sich als solches lediglich durch zwei im selben Becken
liegende Abflüsse zu erkennen gibt. Es entsteht ein Wannenbad,
in dem der Badende seine Beine aus Platzmangel imaginär
über die Begrenzung hinaus streckt. Man entdeckt noch
ein Waschbecken, ein rotes, in dem selbstverständlich
eine rote Kernseife liegt. Es entsteht ein quadratisches Schwimmbecken
mit Treppe und in gleicher Größe ein Kraftwerk,
durch dessen geöffnete Schleusen die Kraft des Wassers
und der Seife strömt. Es entsteht ein Badezimmer, fein
gekachelt mit opulenter, gefüllter Wanne. Es entsteht
ein Jungbrunnen aus Jabon Maja Myrurgia, ausnahmsweise kreisförmig,
ein spanischer Jungbrunnen, veredelt durch die Seife selbst.
Und es entsteht das Haus am Meer, von dem aus man die anbrandenden
Meereswellen zu Gesicht bekommt, deren Gischtkronen den Schaum
der Kernseife bei weitem übertreffen.
Es entstehen soap operas, keine Seifenopern, sondern Seifenwerke,
die allerdings ihre Geschichten erzählen. Sie erzählen
die Geschichten vom Menschen, der aus dem Wasser kommt, nur
dank seines Vorhandenseins existieren kann. Sie erzählen
die Geschichten von Menschen, die von der ewigen Jugend träumen
und dies tagtäglich via diverser Kommunikationsmedien
als die einzig wahre Daseinsform vorgegaukelt bekommen
wer will schon alt sein, waschen wir doch einfach die Falten
und Runzeln weg. Sie erzählen vom Haus am Meer, einem
schönen Traum, zumindest für die meisten. Sie erzählen
vom Fluss der Zeit, dem nicht nur die Seifen irgendwann folgen
werden, sondern eben auch die Menschen. Sie erzählen
von Vielem gleichzeitig, von Wünschen, Hoffnungen, alltäglich
Banalem und alltäglich Besonderem, auch von unerreichbaren
Dingen.
All diese kleinen Welten sind eingebettet in den Schutz der
Seifenstücke, Reservate alltäglicher und nicht alltäglicher
Gegebenheiten. Die Vorstellung einer rückführenden
Handhabung dieser kleinen Welten in den alltäglichen
Gebrauch trägt die Vorstellung von deren Vergänglichkeit
in sich. Auch hier ist im Werk von Thomas Heger trotz dinglicher
Bestimmtheit alles offen.
Otto Pannwitz, Leiter der Städtischen
Galerie Sindelfingen
Anmerkungen
1) Interview. Berthold Naumann und Thomas Heger am 14. Januar
2000 in Stuttgart. Veröffentlicht auf: www.galerie-naumann.de/kuenstler/heger/
2) Vgl. Franz Xaver Schlegel, Thomas Heger. In: Thomas Heger,
Köln, Stuttgart, 2003, n.p., S. 3
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Von Flächen und Gläsern, Passanten und Landschaften
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Thomas Hegers Malerei zwischen Abstraktion und Abbildung
Will man die aktuellen Bilder Thomas Hegers, die in diesem
Katalog erstmals dokumentiert werden, angemessen verstehen,
ist es hilfreich, sie im Kontext der bisherigen Entwicklung
seines malerischen Werks zu betrachten. Dabei lässt sich
der vorliegende Text von der These leiten, dass der Künstler
vor etwa 15 Jahren die Grundlagen für sein aktuelles
Schaffen legte, in dem er das Spannungsverhältnis zwischen
Abstraktion und Abbildung ins Zentrum seiner künstlerischen
Arbeit rückte. Mit dem Begriff Abstraktion ist in diesem
Text nicht die ursprüngliche Bedeutung dieses Worts -
im Sinne des künstlerischen Abstrahierens (dt. = abziehen)
von der äußeren Realität - gemeint, sondern
in dessen landläufige Deutung als Gestaltung eines Bildes
mit den autonomen Bildmitteln selbst, also mit farbigen Linien,
Flächenformen und Rasterstrukturen. Der Begriff Abbildung
bezeichnet dementsprechend den Gegenpol zu den autonomen Bildmitteln,
also die Wiedergabe gegenständlicher Motive im Bild in
Form gezeichneter oder gemalter Gegenstände, Räume
oder Menschen.
Frühe Bilder
Schon die frühen eigenständigen Bilder des Künstlers,
die um 1994 entstehen, zeichnen sich durch das Nebeneinander
von autonomen und gegenständlichen Bildelementen aus.
Als gegenständliche Motive werden stereometrisch gezeichnete
Körper wie Quader oder Kegel, aber auch Architektur-Elemente
wie Säulen, Säulengänge oder plastische Fensterfronten
verwendet, die reizvoll mit reinen Flächenformen kontrastieren.
Außerdem zeichnen sich diese frühen Raumbilder
durch die Intensität ihre Farbflächen und entschiedene
kompositorische Setzungen aus. In diesen Bildern kündigt
sich zudem ein Kompositionsprinzip an, das Thomas Heger ab
1997 häufig verwenden wird: Es sind Rasterstrukturen,
die sich gleichmäßig über die gesamte Bildfläche
ziehen. Sie sind inspiriert vom All-Over der amerikanischen
Farbfeldmalerei, die zu Beginn der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts das klassisch-europäische Kompositionsprinzip
der Schwerpunktsetzung in Frage stellte. So verbinden also
schon diese frühen Bilder räumlich-architektonische
Motive mit rein flächigen Bildelementen und damit Gegenständlichkeit
mit reinen Bildmitteln wie Linie, Fläche und Struktur.
(Vgl. Abb: Bauwerk II, 1995, Kat. 1997)
Raster und Gläser
Auf der Basis autonomer Rasterstrukturen beginnt Thomas Heger
1997 Alltagsgegenstände wie Trinkgläser oder Kristallvasen
an die Stelle der Architekturmotive zu setzen, die nach kurzer
Zeit ganz aus seinen Bildern verschwinden. Auf die Raumbilder
der frühen Jahre folgen nun also reine Stillleben. Auch
deren Wirkung beruht wesentlich auf dem Spannungsverhältnis
zwischen Abstraktion und Abbildung, also auf der Differenz
zwischen reinen Farbformen und Rastern einerseits und räumlichen
Gegenstandsabbildungen andererseits. Da die in Umrisszeichnungen
dargestellten Gegenstände Gläser, Karaffen
und Kristallvasen selbst durchsichtiges und zerbrechliches
Tafelgeschirr sind, verwebt sich deren reale Gegenständlichkeit
ideal mit ihrer zeichnerisch-transparenten Darstellung und
verbindet sich so überzeugend mit den darunter liegenden
flächig-autonomen Bildrastern.
Das Gestaltungspotential dieses Wechselspiels zwischen gezeichneten
Gläsern und autonomen Farbrastern erweist sich dabei
als so fruchtbar, dass sich der Künstler fast sieben
Jahre mit der Erkundung von dessen Ausdrucks- und Darstellungsmöglichkeiten
beschäftigt. Im Laufe der Zeit zeigt sich dabei, dass
die Darstellungsmodi der einzelnen Bilder ebenfalls zwischen
den Polen Abstraktion und Abbildung schwanken: Einerseits
malt Thomas Heger Bilder, deren Raster er so anlegt, dass
sie an bunt gewebte Tischdecken erinnern und damit das gesamte
Bild gegenständlich wirkt; andererseits schafft er Werke,
die den autonomen Charakter der Raster bewahren, wodurch die
Gläser in diesen Bildern wie Fremdkörper wirken.
(Vgl. Abb. Licht, 2000, Kat. 2000)
Von Flächen und Strukturen, Gläsern und Menschen
Erst im Jahre 2004 fügt Thomas Heger seinem bisherigen
Repertoire an abstrakten Formen und gegenständlichen
Motiven ein neues Motiv hinzu. Im Grunde genommen handelt
es sich wie bei den Gläsern und Rastern um ein neues
Bildelement: Es ist die Darstellung von menschlichen Figuren
in der Gestalt von Passanten in Alltagskleidung, die nun durch
seine abstrakten Bildräume gehen. Da er diese Figuren
in Farbigkeit und Form absolut abbildrealistisch wiedergibt,
kann er das Spannungsverhältnis zwischen Abstraktion
und Abbildlichkeit noch weiter steigern. Nun stehen nicht
mehr die gezeichneten Gläser für die gegenständliche
Welt, sondern fotorealistisch gemalte Passanten. Dementsprechend
rutschen die Gläser im Spannungsfeld zwischen Abbildhaftigkeit
und Abstraktion in einer Art Mittelposition zwischen den Figuren
einerseits und den autonomen Bildmitteln andererseits.
Diese neue Stellung der Glasformen zeigt sich auch in den
Bildräumen, welche die drei Bildelemente Flächen,
Gläser und Menschen - jeweils evozieren. Bei den autonomen
Farbformen bleibt der Bildraum weiterhin flächig, wobei
sie wie bisher - die Gesamtfläche des Bildes farblich
strukturieren. Den stärksten Kontrast zu ihnen bilden
nun die menschlichen Figuren, die sich von den Farbflächen
abheben und sich in einem eigenen, tiefenräumlich strukturierten
Bildraum bewegen. Zwischen diesen beiden Bildelementen vermitteln
die Gläser, die ihren eigenen Bildraum aufspannen. Er
wird definiert durch die Sicht von schräg oben und durch
ihre Transparenz, welche die darunter liegenden Farbflächen
nicht verdeckt. Im Vergleich zum Bildraum der Passanten wirkt
der Bildraum der Gläser jedoch wie eine schmale Raumbühne,
die zwischen starker Tiefenräumlichkeit einerseits und
reiner Flächigkeit andererseits vermittelt. Ein Phänomen,
das in jenen Bildern besonders deutlich wird, in denen die
Passanten - wie etwa in Orte kreuz und quer über
die Bildfläche laufen und so die Tiefe des Bildraums
in alle Richtungen erweitern. (Vgl. Abb. Orte 2008)
Die Einführung der fotorealistisch wiedergegebenen Passanten
in Thomas Hegers Bilderwelt ist jedoch nicht unproblematisch,
weil die enge formale Verwandtschaft zwischen der zeichnerisch
erzeugten Räumlichkeit der Gläser und der sie umgebenen
und hinterfangenden autonomen Flächenformen wird von
den Figuren geradezu brachial durchbrochen. Denn die Figuren
erfordern jene traditionelle Bildwahrnehmung, die das Bild
als Abbild der äußeren Realität begreift und
damit den beiden anderen Bildelementen diametral gegenüber
steht. Die fotorealistisch wiedergegebenen Passanten beschwören
somit die Gefahr herauf, dass sie sich im Bild mit den autonomen
Flächen und leicht abbildhaften Gläsern nicht zu
einer formal überzeugenden Einheit verbinden.
Dieser Gefahr begegnet Thomas Heger jedoch mit zwei geradezu
genialen Kunstgriffen: Erstens nimmt er den Figuren einen
Teil ihrer überwältigenden Bildkraft, indem er sie
im Vergleich zu den Gläsern und Farbflächen sehr
viel kleiner wiedergibt. Eine Vorgehensweise, die besonders
in den kleinformatigen Bildern deutlich wird. Denn hier stellt
Thomas Heger das Gleichgewicht zwischen den drei Bildelementen
dadurch her, dass er jeweils zwei bis drei kleine Passanten
und ebenso viele Flächenformen mit nur einer großen
Glasform kombiniert. In den größeren Bildern behält
er diese Gewichtung bei und ergänzt sie noch durch das
abstrakte Kompositionsprinzip des All-Over. (Vgl. Abb. Fern
von China 1, 2008) In einigen Bildern versucht er die Passanten
sogar noch stärker den autonomen Bildelementen anzupassen,
indem er die Figuren nicht farbgetreu wiedergibt, sondern
sie in einem monochromen Farbton malt.
Von Menschen und Landschaften
Wie stark sich die Verwendung von Abbildern realer Menschen
auf Thomas Hegers Bilderwelt auswirkt, zeigt sich besonders
in den kleinformatigen Werken der letzten beiden Jahre. Sie
tragen Titel wie Unterwegs, Weites Feld, Landschaft, Englische
Gärten oder Ballspieler und zeigen Menschen in der freien
Natur. Diese besteht aus Wiesen und Feldern, Büschen
und Baumgruppen, die zwar nicht ganz so detailrealistisch
wie die Figuren gemalt sind, aber dennoch eindeutig identifiziert
werden können. In diesen Bildern hat die abbildhafte
Darstellungsweise der Figuren offenkundig die gesamte Bildfläche
erobert. In ihnen ist aus dem einst autonomen Bildraum ein
abbildhafter Landschaftsraum geworden.
Mit den jüngsten Bildern verschiebt Thomas Heger das
Wechselspiel von Abstraktion und Abbildung also noch weiter
in Richtung Abbildhaftigkeit. Dennoch kehrt er damit nicht
vollkommen zur traditionellen, vor-modernen Bildauffassung
zurück, die das Bild als Abbild der äußeren
Realität begreift. Dies zeigt sich schon in der Art und
Weise, wie er seine Landschaftshintergründe malt. Denn
die großzügigen und gleichzeitig lockeren Pinselzüge
bewahren die Geste des Malakts, der als Farbauftrag auf eine
Fläche tendenziell ein nicht-abbildhafter Gestaltungsakt
ist, vergleichbar mit dem Anstreichen einer Fläche. Diese
besondere Art des Farbauftrags wird hauptsächlich in
jenen Bildern spürbar, wo die Wiesen als reine Farbflächen
gestaltet sind und von einer gegenständlich kaum begründeten
All-Over-Struktur dominiert werden, wie dies etwa in der Frühblüher-Serie
zu beobachten ist. (Vgl. Abb: Frühblüher1, 2005
)
Die Autonomie der Farbflächen betont der Maler darüber
hinaus durch die Verwendung außergewöhnlicher Bildformate.
Hierzu zählen die friesartigen Querformate, die um ein
Mehrfaches länger als hoch sind, wie etwa in der Mond-Serie
(vgl. Abb. Mond 5, 2007) und natürlich die Tondi, also
die Rundbilder im Kreisscheibenformat (vgl. Abb. Nächtliches
Spiel 1, 2008). Gerade in den Tondi ordnet Thomas Heger die
abbildlichen Landschaftselemente Erde und Himmel der Kreisform
radikal unter, indem er die Erde als grünes Farbband
gestaltet, das den blauen Himmel im Bildzentrum umrahmt. Offensichtlich
geben diese Bilder nicht die äußere Realität
wieder, sondern spielen mit der Spannung zwischen dem außergewöhnlichen
Kreisformat und dem landschaftlichen Motiv. Auch hier geht
es also letztlich um das spannungsvolle Verhältnis von
abstrakter Form und Abbildung.
Welches Potential diese neue Relation zwischen Abstraktion
und Abbildung hat, wird die künftige Arbeit des Künstlers
erst noch zeigen müssen. Doch schon heute lässt
sich im Rückblick auf sein bisheriges Werk feststellen,
dass die gestalterischen Möglichkeiten dieses Spannungsverhältnisses
riesig sind. Gerade im Hinblick auf das neue Gewichtsverhältnis
zwischen Abstraktion und Abbildung dürften deshalb wohl
auch in Zukunft noch viele neue Bilderfindungen zu erwarten
sein.
Dr. René Hirner
Kunstmuseum Heidenheim
Der Text erschien im Katalog Lichtläufer
anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum
Heidenheim 2009.
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Text zur Vorankündigung der Ausstellung Vorgestellte
Wirklichkeit in der KSK Echterdingen
Er hat sie alle drauf, die technischen Möglichkeiten
der Malerei, von der minutiösen Gegenständlichkeit
über die auf das Wesenhafte konzentrierte Abstraktion
bis zur absoluten Gegenstandslosigkeit mit ihrem freien Spiel
von Farben und Formen.
Der Stuttgarter Maler Thomas Heger. Aber er beherrscht diese
Methoden nicht nur, er kombiniert sie auch mit großer
Souveränität auf seinen Gemälden.
In seinen Bildern schafft Thomas Heger absonderliche Welten
aus abstrakten Farbräumen und fiktive Landschaften, in
denen geometrische Formen, Umrisse monumentaler Gefäße
aber auch gegenständliche Fragmente, etwa Architekturen
oder Blumen auftauchen können. Die Gesetzte von Dimensionalität
und Schwerkraft sind in diesen raffinierten, artifiziellen
Bildräumen außer Kraft gesetzt. Doch wie zum Trotz
lässt Heger in dieser Kunstwelt ohne Rand und Band kleine
Menschlein auftreten: Sie wirken wie Touristen in einer fernen
Realität, in denen die Freiheit der Kunst endgültig
die Macht übernommen hat.
Auch wenn Heger in seiner Malerei alle Register zieht, bleiben
seine Werke doch stets in einem ausgewogenen Gleichgewicht.
Keine der gestalterischen Kräfte nimmt überhand.
Der Mann weiß offensichtlich sehr gut, was er tut.
So ist es kein Wunder, dass Thomas Heger seit vielen Jahren
ein gefragter Lehrer ist. Er hatte eine Professur an der Hochschule
für Kunst und Design Halle, Burg Giebichenstein inne
und lehrt bis heute an wichtigen Ausbildungsstätten in
Baden-Württemberg. Die Liste seiner Preise und Auszeichnungen
ist lang ebenso die Reihe seiner Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen.
So ist es uns eine Freude mit unserer Ausstellung in Echterdingen
diese Erfolgsgeschichte weiterführen zu dürfen.
Dr. Tobias Wall
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